Hurra, wir gehen auf Reisen!

 

Europa mit dem Campingbus

 

 

 

Endlich frei!

 

In nur drei Monaten haben wir alles geregelt: Job und Wohnung gekündigt, unser Auto gegen einen kleinen roten Bus eingetauscht und sämtliche Reisevorbereitungen getroffen.

 

Raus aus dem Alltag, rein in die Wildnis! Freies Campen heißt: wilde Landschaften zu entdecken, an einsamen Seen und Flüssen zu leben, unter dunklem Sternenhimmel einzuschlafen. Fern von Massen und Touristen! Was für ein Traum!

 

Europa ist groß, vielfältig und ideal, um mit dem Bus erkundet zu werden!

 

 

Reisen - aber wie?

 

Bella Italia, das Land des dolce vita, raubt uns gleich zu Beginn unserer Reise sämtliche Illusionen. Zwei Einbrüche in unserem Bus in nur drei Wochen bringen uns zur Erkenntnis, dass freies Campen seinen Preis hat. Deswegen freuen wir uns über das Angebot, gegen Kost und Logis auf Tiergnadenhöfen, biologischen Farmen und bei anderen Projekten mitzuarbeiten. Wir nützen wwoofen und helpx, wo man gegen ein geringes Entgelt Mitglied werden kann. Unseren Bus vor Diebstahl in Sicherheit wissend arbeiten wir oft bis zu neun Stunden, während wir mit „Vai, vai!“ angetrieben werden und als Gegenleistung täglich Toast und Nudeln bekommen. Sechs Tage die Woche zwischen 7-9 Stunden pro Tag Arbeit! Und das nur für Essen und Schlafplatz! Erholung ist was anderes!

Ab nach Pomaia, Europas größtem buddhistischen Kloster! Nicht, um Richard Gere zu treffen, der dort angeblich regelmäßig Kurse besucht, sondern um zu meditieren. Ständig lächelnde Mönche, Liebe, Herzlichkeit, Wärme - das ist Buddhismus pur!

Wir campieren auf dem dortigen Parkplatz neben Luxusautos, spritzigen Cabrios und anderen günstigen Fahrzeugen. Bald bemerken wir: Die Meditationskurse etablieren sich als Crash-Kurse für gestresste Manager und reiche Industrielle, die am Wochenende eingeklemmt zwischen zwei Terminen Ruhe und Erholung im Kloster suchen.

 

Nach drei Monaten in diesem wunderschönen Land sind wir gezwungen, unsere Campingpläne neu zu überdenken.

Freies Stehen, helpx und fromme Klosterbesuche sind für uns gestrichen! Probieren wir es doch einmal mit Erholung auf CAMPINGPLÄTZEN!

 

Dem Winter entfliehen in Südspanien

 

Der Winter naht und wir beschließen, in Richtung Südspanien zu fahren. Wo sonst als in der teuren Schweiz sollte unsere Dieselpumpe kaputt werden? Die Weiterfahrt verzögert sich somit um drei Tage und schröpft unsere Reisekassa um unvorstellbare 2 200 Euro. Auf dem Weg in den Süden gibt es einige sehenswerte Orte:

Annecy in Frankreich erinnert uns mit seinen Wasserkanälen, die sich durch die Stadt schlängeln, an Venedig.

Die riesige, mittelalterliche Cité de Carcassonne kenne ich von dem gleichnamigen Spiel und ist noch viel beeindruckender als angenommen. Kein Wunder, dass die Festung als Filmkulisse für Walt Disney, Robin Hood und Louis de Funès diente.

Barcelonas Sagrada Família besucht man am besten bei Sonnenschein. Die Farbenspiele lassen Antonio Gaudís architektonisches Meisterwerk in frühlingshaftem Zauber erstrahlen.

Tirig, ein kleines Kaff in der Provinz Castellòn, überrascht mit prähistorischen Malereien und einem Museum, das bei kostenlosem Eintritt ebenso Führungen zu den Fundstätten anbietet. Wir verlassen Tirig jedoch rasch wieder. Unzählige Tierfabriken erwecken nicht nur unsere Geruchsrezeptoren, sondern vor allem auch unser Mitleid.

 

Farbenspiel in der Sagrada Família

 

Valencia steht im krassen Gegensatz zu Tirig. Wenn man eine Stadt als hypermodern bezeichnen kann, dann Valencia. Auf einem trockengelegten Flussbett erreichen wir per Rad die Ciudad de las Artes y de las Ciencias, eine Ansammlung futuristischer Gebäude, entworfen vom Architekten Santiago Calatrava. Die Gebäude sind beeindruckend, vor allem die Schrägseilbrücke mit 125 m hohen Ständern und das L’Hemisfèric – das IMAX-Kino, das als sich öffnendes und schließendes Auge konstruiert ist.

Almeria passieren wir im Eiltempo. Alles ist voll mit Plastik! Kilometerlange Gewächshäuser, Pflanzen, die den Boden nicht berühren, sondern in einem Substrat gedeihen, dem auf Knopfdruck Nährstoffe zugeführt wird. 2 Euro pro Stunde Bezahlung für die Arbeiter. Kein Europäer würde für dieses Geld dort arbeiten. Praktisch für die Arbeitgeber, dass Afrika nicht weit ist.

Wir fliehen. Nachdem wir auf unserer bisherigen Reise einfache Campingplätze aufgesucht haben, wollen wir uns einen 4-Sterne Camping gönnen.

 

Campen mit Barbie!

 

Mit unserem kleinen roten Bus voll von Schrammen und Rostflecken befahren wir mutig den 4-Sterne Campingplatz. Was wir dort sehen, hat rein gar nichts mehr mit Campen im ursprünglichen Sinn zu tun. Wir trauen unseren Augen kaum. Ein beträchtlicher Teil der Camper besitzt Campingmobile, die die Größe eines LKWs haben. Für genügend Freiraum dient ein Knopf, der die ausfahrbaren Wände verbreitert. In manchen Campingbussen befinden sich kleine Garagen, aus denen wiederum schicke Autos herausfahren. Der Kunstrasen darf im Gepäck ebenso wenig fehlen wie kleine Haushaltsgegenstände, z.B. Waschmaschinen und Staubsauger. Große SAT Schüsseln und noch größere Fernseher zieren die Campingmobile. Zur Abgrenzung des eigenen Stellplatzes dienen Zäune, Gartenzwerge, blinkende Lichterketten oder überdimensionale Barbiepuppen. Neben Fernsehen, Würstchen und Bier ist eine der Hauptattraktionen die „Happy Hour“ sowie das oft im selben Rahmen stattfindende Bingo Spiel. Die „BINGO“- Rufe werden daher mit fortschreitender Stunde immer lauter. Man steht auf Kies, völlig befreit von Wiesen, Bäumen, Blumen und Vogelgezwitscher.

 DAS soll Campen sein?

 

„La Isla Bonita“- die schöne Insel

 

Nach wenigen Tagen 4-Sterne Camping sind wir reif für die Insel. Wir besteigen am Hafen von Cádiz das Schiff und lassen eine 63-stündige Schifffahrt über uns ergehen. Von Wind und hohen Wellen seekrank landen wir endlich auf La Palma, einem „Wanderparadies für Naturliebhaber, die jenseits der Massen Ruhe und Erholung suchen“, wie wir in einem Wanderführer lesen. Auf dieser kanarischen Insel bleiben wir anstatt zwei geplanten Wochen drei Monate und bekommen endlich die Erfüllung unserer Träume, die wir bei Antritt unserer Reise hatten.