Hals über Kopf

Hals über Kopf

 

Irgendwann brechen Träume aus. Und dann überraschen sie dich, wenn du es am wenigsten erwartest.

 

„Für unsere Schule bedaure ich es sehr, aber für Sie freue ich mich.“ Der Schuldirektor blickt mich freundlich an und ich verlasse sein Zimmer.

 

Ich bin 32, habe eine liebe Familie, einen tollen Freund, eine superschöne Wohnung. Und bin gerade dabei, mein Leben um 180 Grad zu ändern. Ich habe soeben einen guten Job als AHS Lehrerin gekündigt. Einen Job, der mir Sicherheit in Zukunft verspricht, mit lieben Kindern, einem tollen Direktor und herzlichen KollegInnen. Am Nachmittag werde ich ein Kündigungsschreiben für meine Wohnung abschicken.

Niemand weiß etwas davon, nicht einmal mein Freund und meine beste Freundin. Und ich selbst bin wohl am meisten überrascht von meiner Entscheidung, die ich erst am selben Morgen gefasst habe.

 

Kennen Sie das? Momente, in denen Sie plötzlich mit Sicherheit wissen, was Sie zu tun haben? Momente, in denen Sie keine Sekunde zweifeln, ob das, was Sie nun tun werden, auch richtig ist? So ist es mir ergangen, als ich mit dem Rad zur Schule fuhr und eine nie zuvor dagewesene Leichtigkeit verspürte.

Erst am Abend weiß ich, weshalb ich gekündigt habe. Ich möchte auf Reisen gehen, für ein Jahr oder vielleicht auch länger. Mein Freund blickt mich am Abend an und fragt: „Und was wird aus uns?“ „Komm doch mit“, antworte ich ihm. „Das geht doch nicht so einfach“, meint er, lächelt dabei und ich hab so ein Gefühl, dass es doch sehr einfach gehen wird.

 

Erst mal raus aus den alten Schuhen

 

Die häufigsten Fragen, die mir gestellt werden, sind folgende: 1. WARUM gibst du das alles auf? Und: 2. WIE willst du nun deine Zukunft gestalten?

 

Meine Antworten sind einfach. Erstens: ICH WEISS ES NICHT. Und zweitens: ICH WEISS ES NICHT.

 

Ich habe Träume und Vorstellungen von einem guten Leben, aber ich habe keine fixen Pläne. Ich weiß nur aus Erfahrung: Erst du dich von Altem trennst, hast du Platz für Neues. Und diesen Platz habe ich nun geschaffen.

 

Tatsächlich ergeben sich die Dinge wie von selber: 1,5 Monate vor der Abreise sagt mein Freund, dass er mitkommt. Ich bin überglücklich! Er kündigt seinen Job und wir tauschen sein Auto gegen einen selbstausgebauten Campingbus. Meine alten Möbel und Kleidungsstücke wechseln für wenige Euros den Besitzer. Mein neues Zuhause ist der Bus. Am Tag der Wohnungsschlüsselübergabe merke ich, wie wenige ich nun besitze und wie reich ich mich doch fühle. Jedes Mal, wenn ich mich von Altem getrennt habe, ist etwas Neues, Besseres auf mich zugekommen. Wenn ich also gefragt werde, was braucht man, um eine lange Reise zu beginnen, antworte ich: MUT und VERTRAUEN. Mut, sich von Altem zu lösen und Vertrauen, dass dich etwas Gutes erwartet.

 

Und dann der Aufprall…

 

Der Abschied fällt mir schwer und leicht zugleich. Schwer, weil ich immer etwas Wehmut verspüre, wenn ich Gewohntes aufgebe, leicht, weil ich voller Abenteuerlust bin.

 

Wir haben es tatsächlich geschafft, unser Hab und Gut so zu reduzieren, dass alles nun Platz in unserem kleinen Bus hat. Der Innenausbau ist aus Holz, es gibt ein Bett, einen kleinen Kühlschrank, einen Tisch und sogar ein Abwaschbecken. Da wir vegan leben und biologische Nahrungsmittel bevorzugen, nehmen unsere Essensvorräte eine großen Teil des Stauraums ein: Tofu, vegane Aufstriche, Saitan, biologische Linsen, Müslis, Getreide etc. Wer weiß, wann sich wieder eine Möglichkeit bietet, solche Sachen zu kaufen.

Als wir losfahren, sind wir beide voller Freude. Die Welt ist schön! Das Leben ist ein Traum! Wir singen, pfeifen und tanzen. Das ist Freiheit! In Norditalien sehen wir ein Schild: Alte Kirche mit Mosaiken. „Komm, lasst uns dorthin fahren“, überrede ich meinen Freund. Wir steigen aus, betrachten kurz die Kirche und kommen nach zehn Minuten frohen Mutes zu unserem Bus zurück. Der Vorhang des Seitenfensters ist eingeklemmt. Ich wundere mich über meine Schlampigkeit. Erst, als mein Freund hektisch die Tür öffnet (unversperrt!), mich anblickt und mit tonloser Stimme sagt: „Der Laptop ist weg“, verstehe ich langsam, was geschehen ist. Das, was in unserer heilen Welt höchstens in Zeitungen und Fernsehen, aber sicherlich nicht in unserem Leben passiert, ist tatsächlich eingetreten. Wir wurden BERAUBT! Auch die Freitag-Tasche meines Freundes ist weg. Die Diebe haben zumindest Geschmack.

 

Im Bus herrscht Chaos. Sämtliche Kästchen stehen offen, der Inhalt liegt am Boden verstreut, Marmeladen, Essig, Öl laufen auf unsere Kleidung. Ich bin am Ende. Der Bus und sein Inhalt sind unser Zuhause und unser ganzer Besitz. Und dann fällt mir ein: nicht nur unzählige Fotos, Seminararbeiten, Schularbeiten sind auf dem Laptop. Auch meine Dissertation! Ich wollte sie auf Reisen fertigstellen. Und ich habe keine Kopie davon. Mir wird abwechselnd heiß und kalt. „Lass uns umkehren“, sage ich weinerlich zu meinem Freund. „Fliegen wir nach Thailand, Australien, Indien. Nur mit einem kleinen Rucksack.“ Ich fühle mich in unseren Bus völlig ausgeliefert. Die Diebe haben das Türschloss nur mit einem Schraubenzieher geöffnet, 100 m entfernt von einem Polizeiwagen und das am helllichten Tag! „Meinst du das wirklich?“, fragt mich mein Freund und hält mich im Arm. Er ist mein Fels in der Brandung. „Nein“, antworte ich und ich verspüre dieses Gefühl, dass alles gut wird, was ich in diesem Moment kaum glauben kann.

 

Reset

 

Die kommenden Wochen sind für uns eine Prüfung. Bei jedem kleinsten Geräusch in der Nacht schrecken wir auf und versuchen, uns gegenseitig zu beruhigen. Beim zweiten und letzten Einbruch auf Sardinien gelingt es uns, die vier (!) Diebe auf frischer Tat zu ertappen und in die Flucht zu schlagen. Wir behalten den Schraubenzieher, den Schlüsselersatz vieler Diebe, als Trophäe. Wieder herrscht völliges Chaos im Bus und auch uns geht es psychisch nicht besonders gut. Immerhin sind wir aber stärker als beim ersten Einbruch vor drei Wochen. Italien werden wir so bald nicht mehr aufsuchen.

Ich verstehe erst nach vielen Monaten, dass vieles im Leben einen Sinn hat. Ich dachte, mich von allem, was mich bremst, getrennt zu haben. In Wirklichkeit gab es auf dem Laptop so viel Altes aus einem Leben, das ich so nicht mehr führen wollte. Eines Tages konnte ich auch die Frage nicht mehr beantworten, weshalb ich überhaupt eine Dissertation schreiben wollte. Wieviel schöner war es, mit meinem Freund all die Abenteuer zu erleben, von denen ich immer geträumt habe.

Nach einem Jahr Reisen (und keinem Ende in Aussicht!) kann ich rückblickend sagen, dass diese Zeit die schönste in meinem Leben war und ist. Natürlich müssen wir auf so manches verzichten, immer wieder arbeiten und uns um Alltägliches kümmern.

 

Doch diese Zeit jedoch hat uns beide nicht nur zu uns selber, sondern auch zueinander geführt. Wir haben begonnen, unsere Talente neu zu entdecken. Wir schreiben und illustrieren Kinderbücher und sind immer wieder auf der Suche nach neuen Wegen. Und wir haben verstanden, dass es möglich ist, seine Träume tatsächlich zu leben.