Mein Schaf

Dieses Schaf stieß immer wieder auf Entrüstung, somit wurde es aus dem Buch entfernt. Hier kann man den Text dennoch nachlesen. 

Meine lieben Leserinnen und Leser!

 

Kennen Sie das? Sie kommen am Abend müde nach Hause. Fühlen sich erschöpft und ausgelaugt. Haben viel zu wenig geschlafen. Arbeiten und nehmen kaum Rücksicht auf Ihre eigentlichen Bedürfnisse. Sagen viel zu oft „ja“. Versuchen, es allen anderen recht zu machen und vergessen dabei sich selbst. Die Familie will nun Ihre Aufmerksamkeit, sie sollen kochen, putzen, waschen, unterhalten, auf einem Bein durch die viel zu kleinen Wohnung hüpfen und die kreischenden Kinder fangen. Sie würden so gerne wieder mal ausgehen, Freunde treffen, Zeit für sich haben,    

schaffen es aber nicht, das zu tun, was Ihnen Freude bereitet.

 

Wie schön wäre es, jetzt, jemanden zu haben, der Sie in den Arm nimmt, tröstet, fest umschlungen hält und sagt: „Komm, wir schaffen das.“ Dabei liebevoll durch Ihr Haar fährt, sanft den Rücken berührt und Ihre erschöpften Augen küsst.

 

Und da – plötzlich – eine Stimme! Ganz deutlich! Ihre innersten Wünsche wurden erhört! Und diese Stimme spricht, nein, ruft Ihnen zu! Ja, Sie sind tatsächlich die Auserwählte, die nun Hilfe von oben erhält! Der Himmel hat Sie in Ihrem stummen Leiden gehört und öffnet nun seine Pforten für Sie, um Ihnen Gnade und Barmherzigkeit zuteilwerden lassen! Sie halten den Atem an, um genau wahrzunehmen, was diese Stimme Ihnen mitteilen will. Die Zeit scheint still zu stehen. Die Erde dreht sich für einen Moment etwas langsamer. Ihre Augenringe sind für einen Augenblick verschwunden. Ihre Cellulite ist Vergangenheit. Ihr Körper vibriert. Sie beginnen zu zittern. Das sind Beweise göttlicher Anwesenheit! Insgeheim wussten Sie, dass Sie und nur alleine Sie recht auf diese Erscheinung haben werden, die Ihr Antlitz mit allen Farben dieser Welt überstrahlen und Ihnen Frieden und Liebe bringen würde. Sie sind nun ganz eins mit dem Universum. Und nun hören Sie noch genauer hin.

 

Nein, das ist eine Täuschung. Diese Worte können nicht an Sie gerichtet sein. Sie lauschen mit aller Anspannung und Konzentration. Da war es schon wieder! Und jetzt erschallt es ganz deutlich, ganz dicht bei Ihrem Ohr: „Wos bist du ned für a Tro-o-o-o-t-t-t-e-l!“ Mittlerweile haben Sie verstanden, dass dieser jemand auch wirklich Sie meint. Sie öffnen die Augen. Vor Ihnen sitzt ein kleines Schaf. Es ist weiß, hat drei kleine schwarze Punkte auf dem rechten Ohr und kaut an einem Grashalm. Und dann blökt es aus voller Kehle: „Schau doch ned so deppert! Host nu nie a Schof gsehn?“ Und bevor Sie antworten können, fährt es fort: „I kaun dir einfoch nimmer länger zuaschaun! Ma, Oide, bist du wirkli zbled, dass du di amoi um di kümmerst? Putzn, kochn, woschn, in da Oabat oiwei oaschkriachn und „jo“ sogn. Du bist so peinlich.“ Und dieses „peinlich“ prägt sich ab diesem Zeitpunkt tief in Sie ein. Es ist schrill, spitz und fürchterlich hoch. Das „ei“ zieht sich mit einem nie aufhören wollenden, blökenden Vibrieren in die Länge. „Wer bist du überhaupt, dass du mir solche Sachen sagen darfst?“, fragen Sie erstaunt und erbost zugleich. Das Schaf starrt Sie aus zwei winzigen funkelnden Augen an. „Ich bin das Schaf“, antwortet es, den oberösterreichischen Dialekt missachtend, mit würdevoller Miene, reckt das Köpfchen noch oben, stampft mit dem kleinen Beinchen und sieht Sie aus den Augenwinkeln an. „Und ich werde es nicht länger dulden…“, und dann vergisst sich das Schaf wieder selber … „dass du oiwei so deppert bist, ois für die anderen tust und nix für di! Moch so weida, kriag an Herzinfarkt, Haarausfall und Hämorrhoiden. Oba sog nie, i hätt di ned gewarnt!“ Und dann schreit es erneut aus voller Schafeskehle: „Mei, soooo peieieienlich!“ und mit einem Mal verschwindet das kleine Schaf. Nur der Grashalm liegt am Boden. Den hat es offenbar verloren. Und Sie stehen auf, öffnen die Balkontüre, setzen sich auf den Liegestuhl und bemerken, dass bereits den ganzen Tag die Sonne scheint. Und dann tun Sie seit Langem endlich mal … nichts….

 

Was, ganz ehrlich, Sie kennen das nicht? Sie haben kein Schaf, das Ihnen mal deutlich seine Meinung sagt und Sie so wieder auf die richtige Bahn bringt? Das frech ist, Ihnen einen Spiegel vor die Augen hält und Sie mit sich selber konfrontiert? Das Sie zwingt, auch mal „Nein“ zu sagen, die Füße auf den Tisch zu legen und nichts zu tun? Nein? Dann sollten Sie unbedingt das Schaf in dieser Geschichte kennenlernen. Und mein persönlicher Tipp: Auch wenn’s manchmal hart ist, legen Sie sich ein Schaf zu. Es wirkt Wunder.

 

 

© Anna Derndorfer